KI als Verstärker: Warum der Mittelstand erst Prozesse fixen muss

| Von Katrin Hartmann-Seifert | 3 Min. Lesezeit

KI macht gute Prozesse besser und schlechte schneller. Warum der Mittelstand vor der Automatisierung erst Abläufe optimieren sollte und wie das gelingt.

KI ist ein Verstärker, kein Wundermittel

Die Zahlen sind eindeutig: Laut der aktuellen Ifo-Unternehmensumfrage nutzen inzwischen 54 Prozent der deutschen Unternehmen Künstliche Intelligenz. Das sind 19 Prozentpunkte mehr als noch vor einem Jahr. Bei Großunternehmen mit über 250 Mitarbeitern liegt die Quote sogar bei 71 Prozent, im Mittelstand mit 50 bis 249 Mitarbeitern immerhin bei 58 Prozent.

Was nach einem großen Aufholen klingt, hat einen Haken, den viele übersehen. KI macht nicht automatisch alles besser. Sie macht vor allem eines: schneller. Und zwar auch das, was vorher schon nicht gut lief.

Was SAP mit 25.000 Entwicklern gelernt hat

Ein Beispiel aus der Praxis: Der Softwarekonzern SAP hat KI-gestützte Entwicklung für 25.000 Entwickler eingeführt. Die zentrale Erkenntnis aus dem Rollout bringt Oliver Nocon, Produktmanager bei SAP, auf den Punkt: KI ist ein Verstärker. Gute Praktiken werden verstärkt, aber eben auch schlechte.

Übersetzt für dein Unternehmen: Wenn du einen chaotischen Prozess hast und eine KI davor setzt, hast du danach einen chaotischen Prozess, der schneller läuft. Die Fehler entstehen nur schneller. Deshalb gilt: Wer ernsthaft in KI investiert, muss gleichzeitig in Prozessqualität investieren.

Das unterschätzte Risiko: Schatten-KI

Es gibt noch ein zweites Problem, das viele Mittelständler gerade erst entdecken. Mitarbeiter nutzen ChatGPT, Copilot und andere KI-Tools längst eigenständig, oft ohne dass es eine offizielle Regelung im Unternehmen gibt. Fachleute nennen das Schatten-KI oder Shadow AI.

Die Ifo-Umfrage zeigt, warum das riskant ist: 31 Prozent der noch nicht KI-nutzenden Unternehmen geben rechtliche Unsicherheiten als Hürde an. Wer KI ohne klare Regeln einsetzt, riskiert Datenschutzverstöße und das Abfließen von Unternehmensdaten in ungesicherte Cloud-Dienste. Genau hier wird eine klare Strategie wichtig.

Erst Prozess, dann Automatisierung

Der richtige Weg folgt einer Reihenfolge, die in der Praxis oft ignoriert wird: erst den Prozess verstehen und verbessern, dann automatisieren. Das funktioniert in drei Schritten.

Schritt eins: Dokumentiere den Ist-Zustand. Wo hakt es, wo liegen Doppelarbeiten, wo warten Informationen auf Freigaben? Ohne dieses Bild automatisierst du nur den Engpass mit.

Schritt zwei: Beseitige die offensichtlichen Fehler zuerst. Oft sind es Kleinigkeiten wie fehlende Standards, unklare Zuständigkeiten oder Medienbrüche zwischen Systemen. Diese lassen sich ohne KI lösen und bringen sofort Entlastung.

Schritt drei: Setze KI gezielt dort ein, wo der Prozess sauber läuft. Erst dann entfaltet ein KI-Agent sein volles Potenzial. Mehr dazu findest du in unserem Beitrag über KI-Agenten in Geschäftsprozessen.

So startest du richtig

Für den Einstieg reicht ein überschaubarer Rahmen. Drei Dinge solltest du festlegen, bevor die ersten Tools im Unternehmen laufen:

  • Regeln für die Nutzung: Welche Tools sind erlaubt, welche Daten dürfen verarbeitet werden?
  • Ein Pilotprojekt: Wähle einen einzelnen, klar abgegrenzten Prozess und optimiere ihn zuerst.
  • Verantwortlichkeit: Eine Person, die sich um KI-Themen und deren Einhaltung kümmert.

Die datenschutzrechtlichen Grundlagen dafür haben wir in unserem Leitfaden zur DSGVO-konformen KI im Mittelstand zusammengefasst.

Fazit

Die 54 Prozent KI-Nutzung zeigen: Der Mittelstand hat die Technologie angenommen. Der Unterschied zwischen den Unternehmen, die profitieren, und denen, die nur schneller scheitern, liegt selten an der Technik. Er liegt an der Vorbereitung. Wer Prozesse zuerst aufräumt, bekommt durch KI einen echten Multiplikator. Wer sie überspringt, bekommt nur mehr Tempo im Chaos.

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